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10. - 12. November 2020 // digital

BrauBeviale Newsroom

Feldarbeit statt Homeoffice

Studierende der HWST helfen beim Hopfenanleiten in der Hallertau.
Studierende der HSWT packten in den Hopfengärten der Hallertau mit an. // © BRAUWELT

Im Frühjahr fehlten aufgrund der Reisebeschränkungen durch Corona tausende Hilfskräfte in der Landwirtschaft. Zugleich waren etliche Menschen in dieser Zeit ohne Arbeit. Daraus ergaben sich Ideen und Lösungen, die nun sogar über die Krise hinauswirken.

30.000 Saisonarbeitskräfte fehlten

Als er unter der dunklen Wolkendecke eines kühlen Frühlings auf dem Hallertauer Hopfenfeld hockte und mit klammen Fingern einen zarten Hopfentrieb um den für ihn vorgesehenen Draht wickelte, hatte Lorenz Schareina immer wieder die Stimme des Bauern in seinem Kopf, dem der Hopfen hier gehörte: „Das Andrahten ist die einfachste und die schwierigste Arbeit von allen.“ Nach ein paar Tagen auf dem Feld hatte Schareina sehr genau verstanden, wie das gemeint war.

Der junge Mann aus Nürnberg war einer von tausenden Quereinsteigern, die in diesem sehr besonderen Frühling, dem Corona-Frühling, auf deutschen Feldern ausgeholfen haben. Nach der Schließung innereuropäischer Grenzen und dem Erlass strenger Reisebeschränkungen just zum Beginn der landwirtschaftlichen Saison fehlten in etwa 30.000 Hilfskräfte. Arbeiter aus Polen, Tschechien, Rumänien oder der Slowakei konnten nicht einreisen. LandwirtInnen gerieten in Panik: Wie sollten sie in diesem Jahr den Spargel oder die Erdbeeren von den Feldern bekommen? Wer würde ihnen helfen, Salat zu setzen oder den jungen Hopfen an die Gerüste zu drehen?

BarthHaas schlug vor: „Komm in die Hopfencrew“

Nun, Menschen wie Lorenz Schareina, der Brau- und Getränketechnologie in Weihenstephan studiert hat und in der Concept Brewery von BarthHaas arbeitet. Nachdem diese Ende März runterfahren musste und Schareina wie seine Kollegen im Homeoffice saß, schien ihm die Möglichkeit, bei einem Bauern in der Hallertau auszuhelfen, eine willkommene Abwechslung.

Oder mehr als das: Vielleicht, dachte sich Schareina, ist es ja eine Win-win-Situation für alle. Sein Arbeitgeber rief unter dem Titel „Komm in die Hopfencrew“ kurzer Hand eine Plattform ins Leben, über die BarthHaas rund dreißig seiner Hopfenpflanzer in der Hallertau und Tettnang spontane Helfer vermittelt hat.

Mit Schareina trat eine Gruppe Auszubildender (Brauer und Lebensmitteltechniker) der Jever-Brauerei den Dienst im Hopfengarten an. „Manche, die eher im technischen Bereich arbeiten, hatten noch nie eine echte Hopfenpflanze gesehen“, erzählt Schareina.

Der Landwirt erklärte ihnen, was zu tun war: Pro Pflanze werden an zwei Drähten jeweils drei Triebe im Uhrzeigersinn angedreht. Es müssen immer die stärksten Triebe sein und zugleich zwei möglichst gleich starke. „Man darf nicht zu viel überlegen, aber auch nicht unüberlegt handeln“, sagt Schareina. Die einfachste und schwerste Arbeit eben. Zwei Wochen lang hat er sie gemacht, von sieben Uhr morgens bis sechs Uhr abends. Auf 20 Hektar, Pflanze für Pflanze. „Eigentlich sehr monoton, aber dann auch wieder nicht“, sagt er. Denn jede Pflanze ist, wie er schnell merkt, verschieden.

Von Null auf 1,8 Millionen in vier Tagen

Nicht nur in den Hopfengärten fehlten wegen Corona helfenden Hände. Spargel- und Erdbeerbauern fürchteten um ihre Ernten. Im Gemüse- und Biolandbau war Arbeit zu verrichten, für die es dringend Menschen brauchte. Das sah der Bundesverband der Maschinenringe e.V., die Selbsthilfeorganisation von rund 190.000 landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland – und half umgehend.

Mit einer Geschwindigkeit und Professionalität, die manch agiles Berliner Tech-Unternehmen neidisch werden ließe, stampfte der Verband ein Vermittlungsportal für landwirtschaftliche Hilfskräfte namens „Das Land hilft“ aus dem Boden.

Gerade mal vier Tage lagen zwischen der Entscheidung, tätig zu werden, und dem Live-Gehen der Website. In den ersten zwölf Tagen verzeichnete „Das Land hilft“ 1,85 Mio. Zugriffe und über 63.000 Inserate von suchenden LandwirtInnen und HelferInnen.

„Wir konnten zu einem gewissen Grad auf bestehende Technik setzen“, erklärt Guido Krisam, Sprecher des Bundesverbands. „Als Maschinenring beschäftigen wir uns schon lange nicht mehr vornehmlich mit Maschinen, sondern immer mehr mit IT-Lösungen.“ Dank dieses Vorsprungs wurde „Das Land hilft“ zu der zentralen Vermittlungsstelle von quereinsteigenden Hilfskräften. Kleinere Initiativen und Start-ups, die mit ähnlichen Ideen angetreten waren, bündelten ihre Kräfte schnell mit denen des Maschinenrings und führten ihm ihre Daten zu.

Hilfe, die hilft

Und so kam es, dass via „Das Land hilft“ in ganz Deutschland Piloten Erdbeeren zupften, Lehramtsstudenten Unkraut jäteten, Hotelangestellte Spargel stachen oder Yogalehrer Gemüse sortierten. Denn auch das ist ein Teil der Corona-Realität: Während LandwirtInnen nicht wussten, wie sie ihrer Arbeit Herr werden sollten, wussten FriseurInnen, EventmanagerInnen, ClubbetreiberInnen und Menschen, die in der Gastronomie arbeiten, schlicht nicht, was sie in den langen Wochen des Frühlings 2020 arbeiten sollten. Also wirklich eine Win-win-Situation?

Maschinenring-Sprecher Guido Krisam findet, alles in allem schon. Klar gab es, wie bei körperlicher Arbeit immer, Fälle, in denen Menschen nach kurzer Zeit feststellen mussten, dass das nichts für sie ist. „Aber es gibt auf den Höfen ja auch Tätigkeiten, die nicht direkt auf dem Feld stattfinden. Wenn beide Seiten es wollen, gelingt es eigentlich immer, Leute so einzusetzen, dass jede Kraft effizient genutzt wird.“

Die Hopfenernte ist gesichert

Florian Weingart, der als Einkäufer bei BarthHaas jeden Tag mit den Hallertauer Hopfenpflanzern in Kontakt steht, berichtet: „Es war jedem klar, dass man von den spontanen Helfern nicht die gleiche Leistung erwarten kann, wie sie unsere erfahrenen Arbeitskräfte erbringen – aber jeder war dankbar, dass überhaupt jemand half.“

Und am Ende habe das Anleiten in der Hallertau auch gut geklappt: „Die Witterung hat geholfen: Es war relativ kühl. Auch wenn die Pflanzer mit dem Anleiten nicht so schnell vorankamen, war das nicht schlimm, weil der Hopfen nicht so schnell gewachsen ist.“ Inzwischen ist alles buchstäblich im grünen Bereich, wenn es bei ausreichend Regen im Sommer bleibt, wird die Hopfenernte des Corona-Jahres eine gute, meint Weingart.

Nebeneffekt: höhere Wertschätzung für die Landwirtschaft

Doch auch über das bloße Erledigen von Arbeit hinaus hat der Einsatz von Quereinsteigern auf dem Feld Folgen – positive Folgen, wie Krisam sagt: „Uns wird von den Landwirten häufig widergespiegelt, dass sie zwar bisweilen ein wenig überrannt und überfordert waren von so vielen ‚Neulingen‘ auf ihren Höfen, aber gleichzeitig den anonymen Verbraucher noch nie so engagiert gesehen haben. Das verändert schon langfristig etwas in der Haltung.

Und von vielen Helfern hören wir, dass sie zutiefst erstaunt waren, wie viel Handarbeit in der Landwirtschaft auch heute noch nötig ist, wie viele Arbeitsschritte nötig sind, bis das Produkt im Supermarktregal steht.“ Daraus ergebe sich eine höhere Wertschätzung von landwirtschaftlichen Produkten und landwirtschaftlicher Arbeit.

Das bestätigt auch Lorenz Schareina: „Vor allem habe ich großen Respekt vor der Arbeit des Bauern, der den ganzen Tag auf dem Feld mitgemacht und das Gleiche getan hat wie wir.“

„Auf dem Feld ist Zeit für Austausch“

„Ich fand außerdem den Austausch, den wir hatten, sehr wertvoll“, so Schareina weiter. „Man hat auf dem Feld einfach Zeit, sich zu unterhalten. Man kommt aus der eigenen Welt raus und kann in eine andere hineinschauen.“

Guido Krisam erzählt hier von einem besonders eindrücklichen Beispiel: „Wir haben mit einem Hopfenbauern gesprochen, bei dem viele Studierende geholfen haben, die sonst bei Fridays for Future aktiv sind. Da hat ein Austausch auf einer gesellschaftsrelevanten Ebene stattgefunden. Und am Ende haben beide Seiten, der Landwirt und die Klimaschützer, festgestellt, dass sie mehr gemeinsam haben als gedacht.“

Plattform vermittelt weiterhin engagierte Helfer

Nun sind beim Hopfen die arbeitsintensivsten Wochen geschafft, in anderen Bereichen der Landwirtschaft stehen diese aber erst noch bevor. Das Problem der fehlenden Hilfskräfte bestehe dabei weiter, so Krisam. Denn auch wenn die Reisebeschränkungen aufgehoben sind, fehlen Saisonarbeiter aus dem Ausland, die sich für dieses Jahr andere Jobs gesucht haben. Insofern wird die Plattform „Das Land hilft“ weiterbestehen und offene und engagierte Helfer vermitteln. Vielleicht sogar über das Jahr 2020 hinaus. Denn der entstehende Austausch hat, darin sind sich alle Seiten einig, seinen eigenen großen Wert.

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