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8. - 10. November 2022 / Nürnberg, Germany

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Künstler versus Künstliche Intelligenz?

Eine Flasche des KI Gins „Monker‘s Garkel“ neben einem Laptop, auf dem eine Roboterfrau angezeigt wird, die Werbung für den KI Gin macht
Für den weltweit ersten KI Gin hat ein Algorithmus die Botanicals ausgewählt // © Circumstance Distillery

Der erste KI-Gin der Welt und der erste Whisky, den eine Maschine geblendet hat: Was Künstliche Intelligenzen in der Getränkeproduktion können – und was nicht. Wir haben nachgefragt.

KI in der Getränkeherstellung

Rasant in die Zukunft: Wo letztes Jahr noch die Rede von der Digitalisierung quasi aller denkbaren Bereiche unserer Lebenswelt war, ist das Buzzword jetzt Künstliche Intelligenz. KI oder gern auch AI (englisch: artificial intelligence) beschreibt den Vorgang, wenn ein Computer selbstständig Entscheidungen trifft – auf Grundlage ihm antrainieren Wissens. Dabei wiederum spricht man von Machine Learning. Auch wieder so ein Buzzword.

Tatsächlich steckt die Menschheit bei der Entwicklung Künstlicher Intelligenzen noch in den Kinderschuhen, man muss da nur mal Visionären der IT lauschen, was – theoretisch – in der Zukunft alles möglich sein wird. Aktuell nutzt jeder von uns eine Künstliche Intelligenz, wenn er googlet. Suchmaschinen sind Künstliche Intelligenzen. Wer Google Translate nutzt, die Gesichtserkennung bei Facebook oder Siri, setzt auf KIs. KI findet aber auch in der Medizin, in Computerspielen oder autonomen Waffen Einsatz. KI ist fürchterlich vielfältig.

Aber mit Limo, Bier, Schnaps oder Wein hat KI nichts am Hut. Bisher.

KI hält Einzug in die Spirituosen-Branche

2019 erlebte die Künstliche Intelligenz gleich zwei erste Male in der Spirituosen-Branche: Erst stellte der schwedische Whiskymacher Mackmyra „Intelligens“ vor, ein eleganter, goldener Swedish Single Malt Whisky. Für diesen Whisky arbeitete Mackmyras Chef-Blenderin Angela D’Orazio eng zusammen mit dem Techkonzern Microsoft und einer finnischen IT-Firma mit Fokus auf Machine Learning namens Fourkind.

Wenig später kam mit „Monkers Garkel“ dann der erste KI-geschaffene Gin auf den Markt. Die Destillerie Circumstance in Bristol hatte sich hierfür mit der Kreativagentur Tiny Giant zusammengetan und der Digitalberatung Rewrite Digital. Herausgekommen ist aus dieser Kollaboration ein Gin mit Koriander, Himbeerblättern, Engelwurz, Stachelbeere, Trockenpflaume, Mandarinen- und Orangenschale, Tagetes und natürlich Wacholder. Das sind die Botanicals, von denen die KI meint, sie machten den besten Gin.

Wir haben nun mit den Menschen hinter diesen beiden Projekten gesprochen: Was treibt eine Blenderin und einen Destiller dazu, die eigene Arbeit einem Computerprogramm zu überlassen? Wie konnte das denn überhaupt klappen? Und vor allem: Was heißt das für die Zukunft der Spirituosen-, ja womöglich der ganzen Getränkebranche? Brauen und destillieren künftig die schlauen Maschinen, was wir gerne trinken?

Spoiler: Nein, tun sie nicht. Zumindest nicht in absehbarer Zukunft. Künstliche Intelligenz wird erstmal nicht weite Teile der Getränkeproduktion übernehmen – aber es verbergen sich hier Ansätze, die nützlich sein können. Und weil es in jedem Fall schlecht ist, die Augen vor der Zukunft zu lange zu verschließen, lohnt es sich, den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Destillerie oder Sudhaus zumindest nicht kategorisch auszuschließen. Und wenn es für einen gelungenen PR-Stunt gut ist.

Der KI Gin „Monker‘s Garkel“

Liam Hirt, Gründer der Circumstance Distillery in Bristol, UK, brachte im Herbst 2019 „Monker‘s Garkel“ auf den Markt – den weltweit ersten Gin, der mit Hilfe Künstlicher Intelligenz gemacht worden war.

Mister Hirt, wie kamen Sie zu Gin und KI?

Liam Hirt: Was den Gin angeht, bin ich Autodidakt, ich habe vor der Gründung von Circumstance hobbymäßig in meinem Keller destilliert. Das war in meinem vorherigen Leben, in dem ich mal Kardiologe war. In einer meiner letzten Forschungsarbeiten als solcher habe ich mich mit Machine Learning in der medizinischen Forschung beschäftigt. Irgendwie ist das Crossover daraus entstanden. Als wir unseren Fokus als Destillerie mehr und mehr auf Gin verlegten und viel Rezeptentwicklung im Auftrag von Kunden gemacht haben, kam mir die Idee, eine KI zu nutzen, um diesen kreativen Prozess zu beschleunigen.

Wie das funktionieren kann, müssten Sie bitte ein bisschen genauer erklären.

Hirt: Die KI hilft schnell und treffsicher bei der Auswahl diverser Botanicals. Wir arbeiten dabei mit einem sogenannten rekurrenten neuronalen Netz. Das funktioniert im Grunde so wie die Neuronen im menschlichen Gehirn.

Nur dass die Maschine weder riechen noch schmecken kann, wie kann also ausgerechnet sie sagen, welche Botanicals gut sind?

Hirt: Wir haben der Maschine vieles beigebracht. In rekurrenten neuronalen Netzwerken gibt es eine große Datenbank. Wir haben hier tausende mögliche Zutaten hinterlegt und die einzelnen Botanicals auch beschrieben. Wenn wir nun die KI bitten, ein Rezept zu schreiben, wählt sie Botanicals aus dieser Datenbank aufgrund der hinterlegten Informationen dazu aus und macht einen Rezeptvorschlag. Den lesen wir menschlichen Fachleute und sagen ja oder nein. Wenn wir nein sagen, probiert es die KI erneut, merkt sich aber, was wir gesagt haben, was nicht ging und macht den nächsten Vorschlag. Wir entscheiden auch darüber wieder. Die Maschine lernt mit jeder Rezeptablehnung dazu.

Das klingt nach viel Aufwand und nicht wirklich nach einer Beschleunigung des kreativen Prozesses.

Hirt: Das ist alles in zwei Monaten passiert, das Aufwändigste war die Erstellung der Datenbank. Und nun ist die Maschine ja trainiert und spukt nur noch brauchbare Rezepte aus. Zuletzt haben wir sie fünf Rezepte schreiben lassen, die drei besten davon haben wir umgesetzt – und das waren alles gute Gins.

Heißt das, neue Gin-Rezepte schreibt bei Ihnen ab jetzt immer die KI?

Hirt: Nein. Wir haben die KI nur für einen Gin und seither nicht mehr genutzt – und haben das auch nicht konkret vor. Trotzdem würde ich das Potential nicht verachten: So, wie wir Künstliche Intelligenz in unserer Destillerie eingesetzt haben, zur Produktentwicklung nämlich, quasi als ein kreatives Mitglied unseres Teams, war sie durchaus sehr nützlich. In Brainstorming-Sessions kann die Maschine mit interessanten Ideen wertvollen Input liefern. Aber natürlich funktioniert die Herstellung eines erfolgreichen, neuen Produktes am Ende aber nur Hand in Hand mit echten Menschen.

Die Master-Blenderin und der KI Whisky

Angela D’Orazio, Master-Blenderin beim schwedischen Whisky-Macher Mackmyra, tat sich im Frühling 2019 mit KI-Experten von Microsoft und der finnischen Machine-Learning-Firma Fourkind zusammen, um mit Hilfe eines Computerprogramms einen Whisky zu machen – den ersten KI Whisky ever.

Mrs. Orazio, erzählen Sie bitte kurz von sich selbst.

Orazio: Ich arbeite seit 27 Jahren in der Whisky-Branche und seit 2005 als Whisky-Blenderin. Das ist ein großartiger und sehr kreativer Job. Man kann all seine Sinne einsetzen. Ich muss auch stets den Überblick haben und jedes einzelne Fass in unserem Haus genau kennen. Es ist viel planerische Arbeit, immer genau zu organisieren, welcher Whisky wann wie alt ist und so weiter.

Für Ihren Job braucht man also Erfahrung, Kreativität und alle Sinne – Fähigkeiten, von denen ich annehmen würde, dass eine Maschine sie nie haben würde.

Orazio: Das stimmt. Wir mussten die Maschine ja auch erst füttern. Über Monate haben wir ein Computerprogramm mit etlichen Parametern gefüttert: Fasstypen, Alter der Whiskys darin, Finishes, unterschiedliche Destillationsarten. Als schwedisches Unternehmen sind wir ja nicht so sehr an Traditionen gebunden wie die schottischen Kollegen und können sehr kreativ ans Whiskymachen gehen. Wir arbeiten mal mit schwedischer Eiche, mal mit amerikanischer, mit unseren eigenen Hefen und so weiter. In das Programm haben wir auch Reviews und Preise eingegeben und alles, was wir an Meinungen der Menschen zu unseren Whiskys hatten.

So hat die Maschine quasi Geschmack entwickelt?

Orazio: Genau.

Aber ist der nicht automatisch eher Mainstream, wenn der Geschmack der KI sich an dem orientiert, was sich bereits als besonders beliebt und populär erwiesen hat?

Orazio: Naja, die KI macht ja nur Vorschläge. Der Mensch als Mentor und Supervisor muss da sein, die Entscheidung trifft er. Die Maschine kann Fragen verarbeiten – aber am Ende des Tages ist es ein Tool für die Person, die es steuert. Meine Erfahrung und meine Sinne waren also durch den Prozess wichtig. Die KI war mein Tool, mein Assistent.

Ganz ehrlich: Bringt das einen großen Nutzen?

Orazio: Ich kann hier nur spekulieren, aber ich vermute, wenn ich dieses Programm regelmäßig nutzen würde – was ich nicht tue – und jemand die Parameter, die mir wichtig sind, vordefinieren kann, dann würde mir KI vermutlich verlässlich helfen können, den Prozess der Erschaffung eines neuen Produktes zu beschleunigen.

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